Umweltgerechtigkeit

Environmental Justice

Kann die Natur Rechte haben?

„Die Natur, oder Pacha Mama, wo das Leben entsteht und vervielfältigt wird, hat das Recht auf ganzheitlichen Respekt für ihr Bestehen, ihre Pflege und Erneuerung der Lebenszyklen, Strukturen, Funktionen und Evolutionsprozesse“

Alle Personen, Gemeinschaften und Staaten können öffentliche Stellen auffordern die Rechte der Natur zu wahren (…)“ Art. 71 Chapter 7 Rights of Nature – Ecuador’s 2008 Constitution.

Ecuador war das erste Land weltweit, als es im Jahr 2008 die Rechte der Natur in seine Verfassung aufnahm. Im Jahr darauf folgte Bolivien.

Beiden Verfassungen haben viele Impulse von Umweltschutzbewegungen erhalten. Die Andenregion hat ihren Aktivismus für die Beachtung der Rechte der Natur mit Vorschlägen in Latein Amerika und an die UN verdeutlicht. Das Interesse daran die Recht der Natur zu erkennen und zu wahren hat in den letzten Jahren weltweit zugenommen, auch in Indien, Mexiko, den USA, Nepal, Neuseeland und der Türkei gibt es Bewegungen auf lokaler und nationaler Ebene.

Die Rechte der Natur wahren die Rechte des Ökosystems und der natürlichen Gemeinschaften, einschließlich der der Menschen, zu existieren und ihre Merkmale zu behalten, ohne nur als Kapital das es zu nutzen gibt betrachtet zu werden. Die Rechtsprechung der Erde unterscheidet sich hier von klassischen Umweltgesetzen, die die Natur nur als schützenswert erachten, wenn andernfalls die menschliche Existenz bedroht wäre.

Alessia Romeo – Cies Onlus

Was sind inter- und intragenerationale Gerechtigkeit?

Das Konzept der intergenerationalen Gerechtigkeit entsteht aus dem bekannteren Konzept der Umweltverträglichkeit, obwohl es seinen Fokus von der Entwicklung – ein Grundprinzip, was zunehmend in Frage gestellt wird – hin zur Fairness verschiebt. J.M. Alier hat die ökologische Verteilung für den Verbrauch von Ressourcen oder Umweltdienstleistungen, wie Artenvielfalt, und den erduldeten Belastungen, wie Umweltverschmutzung erörtert.

Es kann ökologische Verteilung im Lauf der Zeit geben (zwischen verschiedenen Generationen) und im Raum (zwischen verschiedenen Orten während derselben Zeitperiode) geben. Ein Beispiel dieser Art der Verteilung ist die Nuklearenergie: Es kann ein Vorteil (so lange es keine Unfälle gibt) für die gegenwärtige Generation sein, der von zukünftigen Generationen in Form von radioaktivem Abfall bezahlt wird. Ein ausschlaggebender Aspekt ist der Nutzen von Kohlenstoff oder die Kohlenstoffbilanz.

In mehr als einem Jahrhundert der Industrialisierung haben die Länder des Globalen Nordens so viel CO2 in die Atmosphäre abgestoßen, dass der  Ausstoß für zukünftige Generationen, drastisch limitiert wird. Zukünftige Generationen müssen mit Veränderungen zurechtkommen, die bereits ausgelöst wurden und nicht mehr umkehrbar sind. Sich dem Thema in Bezug auf Fairness anzunehmen, bedeutet auch zu begreifen, dass einige Teile der Erde alle Vorzüge der Entwicklung genießen (sicheres, komfortables Wohnen, Energie, hohe Lebens,- und Konsumstandards) während andere den Preis dafür bezahlen, wie der Fall von Klima „hot spots“ zeigt, die direkt vom Klimawandel bedroht werden.

Das Konzept der intergenerationalen Gerechtigkeit muss deswegen eng mit dem der intragenerationalen Gerechtigkeit verbunden sein. Die Herausforderung die Belastungen und Vorteile gleichmäßig zu verteilen wurde im Jahr 2011 von einem anderen Land des Globalen Südens, Ecuador aufgegriffen. Mit dem Plan die Wälder von Yasuni zu schützen – Artenvielfalt und Sauerstoffreserve für die gesamte Erde – so lange die Weltgemeinschaft die Belastung aus dem entgangenen Gewinn durch nicht gefördertes Öl teilen würde.

Das couragierte Projekt fand weltweit positiven Widerhall. Obwohl President Correa es in 2013 als Scheitern bezeichnete (aufgrund der Nicht-erfüllung von Staaten, die ursprünglich zugesagt hatten), regt es immer noch dazu an den richtigen Weg zu gehen hin zu internationaler Solidarität, um die Kosten und Nutzen fair zu teilen, jetzt und in der Zukunft.

Irene Fisco – Cies Onlus

Umweltgerechtigkeit

Umweltgerechtigkeit bezieht sich auf das Recht für Gemeinschaften und Bürger*innen in einer sauberen und gesunden Umwelt zu leben, nach ihren Wünschen und ihrer Kultur, ohne von wirtschaftlicher oder industrieller Aktivität beeinflusst oder beeinträchtigt zu werden.

Umweltgerechtigkeit ist die Antwort lokaler Gemeinschaften und Aktivisten auf den Druck auf ihre lokalen Regionen durch Industrie und mineralgewinnende Maßnahmen, wie Mienen, Dämme, Abforstung, Atomkraftwerke, Verbrennungsöfen und Müllentsorgungen, etc. und auf die ungleichmäßig verteilten Machverhältnisse im globalen Handel und das Demokratiedefizit.

Die ersten die dieses Konzept anwendeten waren Gemeinschaften schwarzer Menschen, die in den 1980er Jahren in den USA die Umweltverschmutzung in ihrer Nachbarschaft anklagten und den Mangel an angemessener Beseitigung durch die Industrie und Entschädigung durch öffentliche Behörden anprangerten.

Sie lenkten Aufmerksamkeit auf “ökologischen Rassismus”, die Verbindung zwischen Umweltverschmutzung, Hautfarbe und Armut und zeigten, dass sie überproportional stark den umweltgefährdeten Stoffen ausgesetzt waren. Als Reaktion auf diesen Fall definierte die United States Environmental Protection Agency Umweltgerechtigkeit folgendermaßen: „das gerechte Behandlung und sinnvolle Einbindung aller Menschen, unabhängig von ihrer Rasse, Farbe, Geschlecht, Nationalität oder Einkommen mit Respekt zu der Entwicklung, Implementierung und Durchsetzung von Umweltgesetzen, Regulierungen und Richtlinien.

Das Konzept der Umweltgerechtigkeit verbreitete sich um die Welt, inspiriert und ausgestaltet von vielen anderen Gruppen. Das South African Environmental Justice Networking Forum definiert Umweltgerechtigkeit beispielsweise als „sozialer Wandel ausgerichtet um die Bedürfnisse der Menschen zu stillen und unsere Lebensqualität zu erhöhen […] durch die Verknüpfung von ökologischer und sozialer Gerechtigkeit, versucht die Umweltgerechtigkeit den Machtmissbrauch zu stoppen, der dazu führt, dass armen Menschen, unter den Auswirkungen der Umweltzerstörung leiden, verursacht durch die Gier der anderen.“

Wie das Südafrikanische Netzwerk herausstellt, gehen ökologische und gesellschaftliche Probleme immer Hand in Hand, als untrennbare Bereiche des Gemeinschaftslebens. Wie die urbanen Gesellschaften kämpfen viele ländlichen Gemeinschaften, deren Leben und Existenzgrundlage durch Mienen, Abforstung, Dämme, industrielle Verschmutzung, Atomkraftwerke etc, erheblich beeinträchtigt wurde, bereits seit Jahrzehnten um ihre lokalen Gebiete zu beschützen. Indigene Gemeinschaften in Wäldern, reich an Wasser, Mineralien und seltenem Holz sind ein bekanntes Beispiel: dies passiert häufig in abgelegenen Gegenden, wo die Menschen wenig Macht zum Widerspruch haben oder wo ihre Stimmen nicht gehört und gewaltsam unterdrückt werden. In der Zwischenzeit ist die Ausbeutung natürlicher Ressourcen  dramatisch gestiegen, verursacht durch immensen Konsum von einem kleinen Teil der Weltbevölkerung (der sogenannte Globale Norden).

Es ist offensichtlich geworden, dass ökologische Ungerechtigkeit und globale Ungleichheit die zwei Seiten derselben Münze sind. Während das obere 1 % mehr al 48 % des weltweiten Vermögens besitzen, besitzt die untere Hälfte der Bevölkerung 1%. Ironischerweise sind die Gegenden mit den schlimmsten Umweltverschmutzungen auch die, die am meisten unter den Auswirkungen des Klimawandels leiden, da sie anfälliger für Erosionen, Fluten,etc. sind.

Daniela Del Bene – CeVi

Beispiele der Umweltungerechtigkeit

Folgend werden fünf Beispiele von Umweltungerechtigkeit aufgeführt, entnommen sind diese dem Global Atlas of Environmental Justice and Resistance. Sie werden mit einer kurzen Einleitung über die nationale Volkswirtschaft und den internationalen Handel vorgestellt. Sie zeigen wie diese Aspekte alle zusammenhängen und die Relevanz von Umweltgerechtigkeit sowohl aus der lokalen als auch aus der globalen Perspektive, eingehend auf die Zusammenhänge mit dem Handel, dem Klimawandel, der Umweltverschmutzung, der Gesundheit und weiterem, auf.

  • Landaneignung und Handel: Die Gambela Region in Äthiopien liegt im Fokus einer Kampagne der Regierung um den landwirtschaftlichen Sektor (hauptsächlich Zuckerplantagen für den Export) für ausländische Investoren attraktiv zu machen. Dazu werden Steuerbefreiungen, zollfreie Importe von Maschinen, einfache Bankkredite, günstige Elektrizität und Wasser aus dem kontroversen Gibe III Damm verwendet. 42% des gesamten Gebiets sind entweder auf dem Markt oder bereits an Investoren übergeben. Dies führt zu Abforstung und zur Vertreibung tausender durch Einschüchterung und Gewalt.
  • Agrargifte und die Gesundheit: 1996 wurde in Argentinien eine bestimmte Art von transgenem Soja, Roundup Ready soy (RR) durch den Monsanto Konzern, der die komplette Kontrolle über das in Argentinien produzierte Soja hat, eingeführt. Dies führte zu großflächigen Monokulturen. Da diese GMO Art resistent gegenüber einigen Pflanzenschutzmitteln (z.B. Roundup) ist, können mehr Pestizide verwendet werden. Dadurch wurden viele ökologische und soziale Probleme verursacht, wie das Reduzieren der Nahrungsmittelproduktion für den nationalen Markt, die Verdrängung von Kleinbauern aus der ländlichen Region, der massive Gebrauch von hochgefährlichen Agrargiften und die großflächige Abholzung der Wälder.
  • Staudämme zur Energiegewinnung und staatliche Gewalt: Das Illisu Staudamm Projekt ist Teil des Southeastern Anatolian Project (GAP) in der Region Kurdistian. Der Staudamm hat eine Kapazität von 1,200 MW, seine Fläche beträgt ca. 300 km2 Land im Tigris Valley, einschließlich archäologischer Stellen und mehrerer Städte. Die Zivilgesellschaft und kurdische Gemeinschaften beklagen sich über die negativen Auswirkungen des Baus, aber die Regierung schenkt ihnen kein Gehör sondern unterdrückt den Protest gewaltsam.
  • Infrastruktur für den Transport und Militarisierung: Die Turin-Lyon Hochgeschwindigkeitsverbindung (der sogenannte TAV) soll eine 220 km/h schnelle Zugverbindung zwischen den beiden Städten werden und das italienische und französische Hochgeschwindigkeitsnetzwerk verbinden. Das Projekt ist die Ursache für heftige Kritik an seinen Folgen für die fragile Umwelt und an der möglichen Korruption im Umfeld. Die NO TAV Bewegung befürwortet eine Veränderung der Transportpolitik, stattdessen wird die Baustelle nun vom Militär bewacht und viele Aktivisten wurden bereits verhaftet.
  • Ölförderung, Menschenrechte und Umweltverschmutzung: Öl ist die Haupteinnahmequelle für Nigeria. Die kommerzielle Verwertung des Erdöls begann 1958. Seitdem fand die Region keinen Frieden. Die Umwelt, Boden und Wasser wurden verschmutzt, ohne dass eine Umweltsanierung oder eine Entschädigung für zerstörte Existenzgrundlagen geleistet wurde. Laut dem Report der UNEP aus dem Jahr 2011 hielt die Shell Oil Company, eine der größten beteiligten Firmen, weder ihre eigenen noch die nationalen Regelungen ein. In den Gewässern wurden krebserregende Substanzen mit einem 800-mal höheren Wert als dem Standard der WHO gemessen. Die Ölfelder wurden zum Synonym für mutwillige Plünderung der Umwelt durch multinationale Ölgesellschaften. Jedoch wird die damit verbundene Umweltbelastung oft vom Produktionsprozess externalisiert, was zu Konflikten, Gewalt und außergerichtlichen Hinrichtungen führt.

Daniela Del Bene – CeVi